Bert Theis. Die Collage als politisches Paradigma
Marco Scotini
Die illustrierte Parabel des Profits
Wie und warum die Parabel vom Wasserbecken 1986 zur Grundlage eines Collageromans des luxemburgischen Künstlers Bert Theis wurde, ist nicht ganz geklärt, aber man darf natürlich künstlerische und politische Motive hinter dem Projekt vermuten. Die Illustrationen, die den Text begleiten, stellen Kapitalisten mit Greifvögelköpfen in bürgerlicher Kleidung des 19. Jahrhunderts und Proletarier mit Fischköpfen in volkstümlicher Kleidung als senffarbene Silhouetten vor Landschaften dar, die von physikalischen und mechanischen Instrumenten, wissenschaftlichen Diagrammen und Sesseln im Empire-Stil bevölkert sind.
„[D]as Ungeziefer und die gierigen Vögel (eine Darstellung der Bourgeoisie), die Fischköpfe (Sinnbild der Sprachlosigkeit)[1]“ sind die Darsteller dieses gleichermaßen politischen und traumartigen Bestiariums. Wundersame Figuren, doch für alle verständlich. Es sind ebenso präzise wie unwahrscheinliche Zusammenstellungen aus Bildfragmenten unterschiedlicher Herkunft, aus verschiedenen Epochen und ihrer ursprünglichen Funktion beraubt, die dank ungewöhnlicher Verbindungen und Montagen in sich wiederholenden aber ständig wechselnden visuellen Konstellationen eine Einheitlichkeit erfahren. Den Bildern ist zudem ihr archaischer und anachronistischer Charakter gemein, der auf eine vorfotografische Vergangenheit verweist. Als stammten die Illustrationen und die altertümliche deutsche Schrifttype (Fraktur) aus der gleichen Zeit wie der Originaltext.
Bei Theis’ Parabel handelt es sich um ein aufwendiges Projekt, das in elf Kapitel gegliedert und bis ins kleinste Detail durchdacht ist, jedoch nie veröffentlich wurde. Der Text, den Theis in Form einer Collage in das illustrierte Buch übertrug, stammt aus einer sehr kleinen deutschen Ausgabe, die nicht ganz mit Bellamys Text konform geht. Die Übersetzung von Margarethe Jacobi wurde 1898 von der Deutschen Verlags-Anstalt veröffentlicht, keine vier Jahre nach der Erstveröffentlichung von Equality in den Vereinigten Staaten.
Dass Bert Theis sich bei der Gestaltung seines Werks von den Collagen aus Max Ernsts Une semaine de bonté (1934) inspirieren ließ, ist ein weiterer Aspekt, der im Folgenden untersucht werden soll. Nicht aus philologischem oder antiquarischem Interesse, denn dieser zusätzliche Verweis würde allein nichts an der Natur der Arbeit des luxemburgischen Künstlers ändern. Im Gegenteil, das Interesse an diesem Vorgang liegt darin begründet, dass die Verwendung der Collage-Technik kein Einzelfall in seinem Werk ist. Im Gegenteil, die Collage war stets präsent, auch wenn sie durch seine Arbeiten ab den 1990er Jahren etwas in den Hintergrund gerückt ist. Die umfassende Retrospektive Bert Theis. Building Philosophy – Cultivating Utopia, die im Frühjahr 2019 im Mudam Luxembourg stattfand, trug maßgeblich zur Wiederentdeckung seiner Aktivitäten vor dieser Zeit bei, also vor den Pavillons und Plattformen, die ihm internationale Anerkennung einbrachten. Betrachtet man also seinen künstlerischen Werdegang unter diesem Blickwinkel, dann erscheint die Collage als ein wesentliches Merkmal seines gesamten Werks, wie ich im Folgenden erläutern möchte.
Anfang der 1980er Jahre studiert Bert Theis an der Scuola del Libro des Istituto Statale di Urbino. Die kommenden zehn Jahre widmet er sich fast ausschließlich der Collage, wobei die Materialien variieren und die Ansätze sowie die Medien und Träger sich abwechseln: Chaocoll (ab 1982), Materialcollagen (ab 1982), Dia-collages (1985), Collagen für den Gedichtband dat lest von Robert „Gollo“ Steffen (1985), Collagen für das Buch Amerika läit jhust viroan Ëlwen (1987) desselben Autors und schließlich Piccollages (1990). In einer Biografie, die er 1993 im Katalog einer Gruppenausstellung im Konschthaus Beim Engel veröffentlicht, datiert der Künstler mit der ihm eigenen Ironie seine ersten Collagen auf das Alter von vier Jahren. Die lakonischen Details dieses Lebenslaufs, der im Stil eines Debord verfasst ist, verdienen es, in ihrer Gesamtheit zitiert zu werden:
1952
1956
1964
ernsthafte Zweifel an der Existenz Gottes
(N.B. etwa zur gleichen Zeit zweifelt Gott an der Existenz von B.T.).
1968
1978 – 1981
1981 – 1983
Istituto Statale d’Arte di Urbino, Chaocollagen
1981 – 1985
1986
innere Emigration
Meditation über die Frage ob das Schweigen M.D.’s wirklich überbewertet wird
Dass Bert Theis bereits zu dieser Zeit Max Ernst als einen seiner Lehrmeister nennt, bezeugt, dass die ausdrückliche Bezugnahme auf Une semaine de bonté bei der Konzeption der Parabel vom Wasserbecken kein Einzelfall ist, sondern auf einen festen Bestandteil seiner künstlerischen Praxis verweist. Mit seinen drei Collageromanen der späten 1920er und frühen 1930er Jahre – La femme 100 têtes, Rêve d’une petite fille qui voulut entrer au carmel und Une semaine de bonté – wollte Ernst die Bildsprache von ihrer auktorialen Matrix entkoppeln. Ziel war es, sich von der Sprache zu emanzipieren, dem Zufall zu vertrauen und sich für jene unerwartete Assoziationen zu öffnen, die nur durch den Verzicht auf die totale Kontrolle des Bildes entstehen können. Sein Übergang vom Dadaismus zum Surrealismus macht Ernst zu einem frühen Vertreter von André Bretons Romanverbot. Collageromane sind nicht bloß Bildergeschichten, sondern stehen vor allem für die Suche nach einer anderen Sprache, die sich von der Bedeutung an sich befreit. Die Macht der Kombination (ihr Rätsel) ist zweifellos jener Aspekt von Ernsts Forschung, für den sich Theis am meisten interessiert hat. Abgesehen von der ausgeprägten Traumhaftigkeit, dem Hang zur Erotik und dem Verzicht auf eine zeitliche Abfolge, die den drei Collageromanen von Ernst gemein sind, teilt die Parabel vom Wasserbecken auch deren Vorliebe für akribisch konstruierte Mikrokosmen, quasi-manische Präzision und Neigung zu abstrusen Kombinationen. Mehr aber noch ihr Interesse an den Möglichkeiten der Assoziation und Kombination von bereits Existierendem, sobald dieses der inneren Zensur einer vorab bestimmten Bedeutung und der Unbeweglichkeit fester Vorstellungen entzogen wird.
Als Theis an der Parabel vom Wasserbecken arbeitete, war er ein politischer Aktivist, der zuvor Mitglied der Ligue Communiste Révolutionnaire (LCR) gewesen war, für die er Plakate für Demonstrationen entwarf, auf denen für soziale Gleichheit geworben und gegen den Krieg protestiert wurde. Folgerichtig unterzieht er Bellamys Parabel einer streng marxistischen Lektüre und sieht sie als Leitfaden für den Klassenkampf, wie die Anmerkungen belegen, die er ihr in seinem eigenen Pamphlet folgen lässt. In einem Interview im Jahr 2003 beschied er mir: „Die Figur des heroischen Künstlers, des einsamen Genies ist eine ideologische Fiktion. In Wirklichkeit ist sowohl die Konstruktion des Werks als auch die Konstruktion der Bedeutung des Werks das Resultat kollektiver Arbeit.“ Unter diesem Blickwinkel ist meines Erachtens auch seine fortwährende Beschäftigung mit der Collage zu sehen: nämlich im Sinne eines kollektiven Werks. Es geht nicht nur darum, bereits von anderen hergestellte Bilder zu verwenden und zu dekonstruieren, sondern den Betrachter dazu einzuladen, den neu zusammengesetzten Bildern eine andere Bedeutung zu geben, die Gedanken dazu zu bringen, ihr eigenes Alphabet anhand eines offenen Spiels mit möglichen Kombinationen – mit Anziehungen und Kollisionen, Verdichtungen und Verschiebungen – neu zusammenzusetzen. Ein fundamental politisches Spiel.
[1] Pressemitteilung der Ausstellung Bert Theis. Zeichnungen Collagen Druckgrafik in der Galerie Terre Rouge in Esch-sur-Alzette in Jahr 1981. Mehrere Motive der dort gezeigten Werke sind später in der Parabel vom Wasserbecken erschienen.